BRUESSEL-GUIDE
STADTBILD
STADTPLAN

 

 STADTBILD

Stadtbild Teil 1/2 (Auswahl)

HÜGELIGES BRÜSSEL
Brüssel liegt auf sieben Hügeln. Die bekanntesten sind Mont des Arts, Mont de la Justice und Misericorde (Berg der Kunst, Justiz und Barmherzigkeit). Man empfindet die Stadt aber eher als wellig, da Hügel in der teilweise wild bebauten Skyline kaum auszumachen sind. Nur etwas fällt auf: Man kann in der Innenstadt nicht sehr weit nach Osten blicken.
Das Auf und Ab ist dennoch nicht zu unterschätzen und kann für Fußgänger sehr anstrengend sein - für die Bewohner ist das aber sehr gut, damit die dicken Pommes und die vielen Pralinen besser abgebaut werden können.
Das aus den Hügeln resultierende Straßenwirrwarr ist nicht günstig für die Orientierung, aber gerade die hügeligen Straßen, mit immer wieder neuen Ansichten auf die Stadt, sind spannend. Brüssel ist ein liebenswürdiges Durcheinander - es gibt Höhenunterschiede von 85 Metern.

Brüssel - Panorama

Panorama vom Place Royale (Quartier Royal)

Wenn auf dem Hügel dann auch noch ein hoher Palast oder eine große Kirche steht, macht das schon schwer Eindruck. Natürlich steht auf dem Berg der Justiz der Justizpalast, und auf dem Berg der Barmherzigkeit die Basilika des heiligen Herzens.
Pausen von den Anstrengungen zu Fuß kann man auf einer der tausenden Brüsseler Bänke machen, es gibt einfach überall Sitzmöglichkeiten.
(Auswahl)
 
KANAL / HAFEN
Brüssel ist eine bedeutende Hafenstadt. Durch die Stadt zieht sich der Canal Bruxelles-Charleroi bzw. der Canal de Willebroek. Brüssel ist mit den nationalen Binnenwasserstraßen und dem Meer verbunden. Zu Brüssel Fluss, der Senne, kommen wir später. (Auswahl)

Brüssel - Kanal

Kanal Brüssel-Charleroi (Quartier des Quais)

GRÜN
Auf dem ersten Blick sieht man in Brüssel nicht, dass die Stadt zu den grünsten in Europa zählt - auf einen Einwohner kommen fast 30 qm Grünfläche. Auffällig auf Brüssel-Karten sind jedoch die vielen großen und kleinen grünen Flecken, die bestens über die Stadt verteilt sind. Es gibt sowohl urwüchsige, idyllische, als auch prächtige Parks, voller Denkmäler, Statuen und Prunkgebäuden. Manche Parks liegen auf Hügeln oder an Hängen, man hat beeindruckende Aussichten auf die Stadt.
Der ganze Südosten grenzt an den riesigen Stadtwald (Foret de Soignes / Bois de la Cambre), der durch eine Schneise sogar bis auf etwa zwei Kilometer an die Innenstadt herankommt. Der “Haupteingang” liegt am Ende der ebenso langen Avenue Louise.
(Auswahl)

Brüssel - Park

Parc de Bruxelles (Quartier Royal)

ARCHITEKTUR
Nun zur Architektur - das ist in Brüssel ein ganz besonders interessantes Thema.
Brüssel ist viel abwechslungsreicher als die meisten europäischen Metropolen. Die Bauwerke und verschiedenen Stilrichtungen könnten vielfältiger kaum sein; in Sachen Facettenreichtum kann keine andere Stadt mithalten. Fans historischer und moderner Architektur sind gleichermaßen bedient.
Aufgrund der wechselhaften Geschichte bietet die Stadt einen reichhaltigen Mix aus über zwanzig verschiedensten Baustilen aller Epochen. Die Stadt gehörte erst zur burgundischen Niederlande, dann zum Habsburgerreich, später zu Frankreich, und am Ende zur Niederlande, bevor sich Belgien 1830 mit einer Revolution abspaltete und Brüssel zur Hauptstadt des neuen Landes erklärte. Alles hat seine Spuren hinterlassen und der Stadt seinen Stempel aufgedrückt.

Brüssel - Architektur

Place Colignon (Schaerbeek)

Es prägen die Architektur und die Straßenzüge der Gründerzeit immer noch das allgemeine Stadtbild: Ornamentreiche Fassaden mit verschnörkelten Balkongeländern, meist in warmen Rot-Braun- oder hellen Sandtönen. Dazwischen prunkvolle Kirchen, Paläste, und andere Bauwerke. Es gibt enge Gassen und große Boulevards, voll von wunderbarer Baukunst. Man hat früher so schön gebaut wie in nur wenigen anderen Städten, und vor allem die Größe der Gebäude ist oft umwerfend. (Auswahl)

Brüssel - Bauwerke

Brüssel - Bruxellisation

BRUXELLISATION
In Brüssel hat es in den letzten 150 Jahren sensationelle Kahlschlag- und Abrissaktionen gegeben. Einiges war schön, sinnvoll und notwendig, aber so einiges auch nicht. Vor allem: Das Vorgehen war radikal. So entstand das Wort Bruxellisation.
Vor allem in den 1960er und 1970er Jahren hatten hemmungslose Gebäudespekulanten Hochkonjunktur, eigneten sich Häuserblocks an, liessen die Gebäude verwahrlosen, um dann umzusiedeln, abzureissen, und profitabel neu zu bauen. Brüssel hat sich immer verändert, hatte immer Geld zum Bauen, und alles schien und war möglich. Eine schöne, einfache Häuserreihe hatte einfach keinen Wert in dieser Stadt voller prächtiger Architektur; man brauchte Büroflächen, und moderne Wohnräume waren auch nötig.
Alt und Neu, Groß und Klein, Prunk und Verfall, Arm und Reich, liegen zum Teil unmittelbar nebeneinander. Zwischendrin sieht man manchmal Bausünden, ganz moderne Büroviertel, Wohnhochhäuser, ärmere, leicht verfallene Ecken, Ruinen. Zum Teil direkt neben guten, alten, beliebten Quartieren. Das Chaos. Brüssel bewirkt gelegentlich ein Wechselbad der Gefühle - gerade das beginnt man aber schon nach kurzer Zeit zu lieben.
(Auswahl)


Etwas Brüsseler Stadtplanungsgeschichte der letzten 150 Jahre:

PRUNKVOLLE STADT
Niemand hat die Stadt so sehr verändert wie König Leopold II. Zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Jules Anspach, der von 1863 bis 1879 im Amt war, wurden große Stadtprojekte realisiert. Letzterer war ein großer Verehrer des Baron Haussmann, der für Kahlschlag und Begradigung des Pariser Zentrums, also seine extreme Pariser Stadtplanung, bekannt war.
Auch Anspach wollte große Boulevards, sternförmige Plätze, Prachtgebäude, er wollte aus Brüssel eine repräsentative Hauptstadt des jungen Landes machen. Er reiste begeistert nach Paris, das Vorbild, wollte Paris aber übertrumpfen, tat das auch, und baute in Brüssel vieles etwas - oder wesentlich größer.
(Auswahl)

PENTAGONE
Mitte des 19. Jahrhunderts begann man, die alten Stadtmauern einzureissen; an ihrer Stelle wurde, stark begradigt, der große Innenstadtring angelegt, heute wichtigste Verkehrsader der Stadt. (Auswahl)

DIE SENNE
Auf dem ersten Blick fehlt in Brüssel rein gar nichts. Es gibt einfach alles. Man bemerkt erst bei näherem Betrachten, beziehungsweise auf dem zweiten Blick: Die Stadt hat keinen Fluss. Vergleichbare große europäische Städte liegen an großen Flüssen, es gibt da keine Ausnahmen. Die Verkehrswege waren unerlässlich für Stadtentwicklung und -wachstum. Nur Städte an Gewässern wurden groß.
Brüssel ist an einem kleinen Fluss, der Senne, entstanden, aber die Wasserwege spielten für den Stadtwachstum keine so große Rolle. Die Stadt wuchs erst, als sie 1830 zur Hauptstadt des neuen Landes Belgien erklärt wurde. Durch die neue Rolle als Hauptstadt eines unabhängigen Staates und durch den industriellen Aufschwung Belgiens im 19. Jahrhundert erlebte Brüssel einen gewaltigen Aufschwung. Die Bevölkerung wuchs dramatisch, auch in Folge einer lebhaften Zuwanderung aus der Wallonie und Frankreich. Ehemals ländliche Gemeinden um den alten Brüsseler Stadtkern herum verschmolzen zu einem urbanen Konglomerat. Der kleine Fluss Senne wurde zur Kloake, lief auch gelegentlich über.
Das beispielloseste Stadtprojekt war die Verlegung der Senne unter die Erde. Man hat ab 1863 eine Schneise durch das alte Zentrum gerissen, die Senne begradigt, durch einen Tunnel geführt, und den Rest zugeschüttet.
Die Aktion hinterließ einen langgezogenen Schutthaufen im Zentrum. Das war aber geplant und willkommen, denn die übervölkerten Arbeiterviertel entlang der Senne, mitten in der Stadt (vom mittelalterlichen Stadtzentrum hat man natürlich die Finger gelassen), wollte der Bürgermeister Anspach sowieso nicht mehr haben, und er hatte Großes vor. Licht und Luft sollte in die Stadt. Auf den Schutthaufen konnte er seine Ideen verwirklichen und in der dicht zugebauten Innenstadt, einen Steinwurf vom Grand Place, Prachtboulevards in Y-Form anlegen, die bis heute, abgesehen von einigen modernen Gebäuden am Place de Brouckere und an der Westseite des Boulevard Jacqmain, komplett erhalten, und einfach nicht wegzudenken sind. Nicht nur wegen ihrer Pracht, sondern (vor allem) auch aus Verkehrsgründen.
Viele Touristen schimpfen über die Senne-Verbannung, meiner Meinung nach aber nur aus Unverständnis bzw. Unwissenheit. Schließlich handelte es sich nicht um einen majestätischen Fluss, wie viele wohl glauben; die Senne schlängelte sich durch die Stadt und war eher mit Grachten, noch kleiner als in Gent oder Brügge, vergleichbar. Wäre die Senne heute noch da, wäre sie eine Kloake, genauso wie früher. Die Metropole würde völlig im Verkehrschaos versinken, gäbe es im Zentrum nicht die Boulevards sondern ein unüberwindbares Gassenchaos ohne durchgehende Straßen! Und das in einer Millionenstadt?
In einem schönen, zugänglichen Hinterhof in Saint-Gery, im Zentrum, kann man einen kleinen Seitenarm der Senne noch sehen.
Und übrigens: Da es in Brüssel, wie gesagt, alles gibt, muss man auch nicht auf Bootsrundfahrten verzichten. Die werden jedoch natürlich nicht auf der Senne veranstaltet, sondern in Brüssels Hafen und Kanälen.
Die wenigsten wissen, dass Brüssel durchaus am Wasser gebaut ist: In der Stadt gibt es neben den Kanälen viele Teiche und Seen - teilweise mitten in Wohnvierteln.

Schon kurz nach der Fertigstellung flanierten schicke Menschen über die Boulevards, auf denen schon damals reges Treiben herrschte. Anspachs Rechnungen gingen auf. Als die Senne weg war, blühte die Stadt auf, lockte wohlhabende Menschen an und sah aus, wie eine riesige Metropole. Und zwar jetzt erst so richtig, obwohl Brüssel schon Jahrhunderte lang eine Kaiserstadt war.
(Auswahl)

Brüssel - Boulevards Brüssel - Boulevards

Place de Brouckere (Quartier Marais-Jacqmain)

BRÜSSELS BESTE ZEIT
Belgien war die viertgrößte Handelsmacht der Welt. Auch andere Quartiere bekamen große Anspach-Boulevards, besonders Ixelles, Etterbeek, Woluwe und Schaerbeek. Die Straßen wurden ästhetisch ausgerichtet, es gibt imposante Plätze, auf die sternförmig verschiedene Prachtstraßen führen. Oft steht mitten auf so einem Platz oder am Ende großer Boulevards eine Kirche oder ein anderes großes Bauwerk.

Brüssel - Place Royale

Place Royale (Quartier Royal)

Nach dem Ableben Anspachs hat das Königshaus unter Leopold II die Arbeiten fortgeführt und auch andere Sachen verwirklicht, die heute reiche Andenken aus Brüssels bester Zeit sind. Das belgische Königshaus hat relativ wenig Gold im Keller; die Einnahmen aus dem ehemaligen Belgisch-Kongo flossen in prunkvolle Gebäude, Statuen, und geschmackvollen Stadtbau.
Auf dem Kunstberg und in anderen Vierteln entstanden im Größenwahn mächtigste Paläste, Schlösser und Prunkgebäude, nachfolgend nur vier der größten Bauwerke:

Im Jahr 1883 wurde der neue, niederschmetternd riesige Justizpalast eingeweiht. Man wollte alles in den Schatten stellen. Tatsächlich war der Palast lange das größte Gebäude Europas, und ist heute immer noch ganz vorne mit dabei, wenn es um die größten historischen Gebäude geht.
Das Wort Architekt gilt seit Baubeginn in Brüssel als Schimpfwort. Erstens war der Architekt Poelaert bei der einfachen Bevölkerung als größenwahnsinnig verrufen, zweitens wurden Teile des Quartier des Marolles, am Hang des Hügels, abgerissen. Die Marollien waren immer schon sehr aufmüpfig und nun platzte ihnen der Kragen: Sie stürmten am Tag der Eröffnung in Anwesenheit hoher Gäste den Palast, zerstörten große Teile der Inneneinrichtung, oder nahmen sie gleich mit nach Hause.

Brüssel - Justizpalast

Palais de Justice (Quartier des Marolles)

1903 wurde der neue Königspalast fertiggestellt (einen Landsitz gab schon), und zwei Jahre später auch der Arc de Triomphe.

Brüssel - Königspalast

Palais Royal (Quartier Royal)

Brüssel - Triumphbogen

Arc de Triomphe, Cinquantenaire (Quartier Leopold)

Im Jahr 1905 begann man mit dem Bau der umwerfend großen Sacre Coeur - Basilika, auf dem Berg der Barmherzigkeit, die, letztendlich im Art Deco-Stil, erst in den 1970er Jahren fertiggestellt wurde. (Auswahl)

Brüssel - Basilika

Basilique du Sacre Coeur (Koekelberg)

ART NOUVEAU
Brüssel ist die Wiege und das Zentrum der Jugendstilbewegung, die von etwa 1890 bis 1910 aktiv war und von dort einen Streifzug durch ganz Europa gemacht hat. Obwohl sich zum Beispiel auch in Wien und Barcelona der Jugendstil entwickelt hat, gilt Brüssel als das Zentrum der Bewegung, nicht nur wegen den belgischen Jugendstil-Pionieren Victor Horta, der für sein Schaffen sogar in den Adelsstand erhoben wurde, und Paul Hankar.
Brüssel verfügt auch über das reichste und vielfältigste Jugendstilerbe, da in der Blütezeit viele neue Vorstädte entstanden. Es gibt nicht nur Wohnhäuser sondern auch Paläste, Museen, Geschäfte, Restaurants, Cafés...
(Auswahl)

Brüssel - Art Nouveau

LETZTE GROSSPROJEKTE DER BRÜSSELISIERUNG
Weiter geht es aber mit Kahlschlag. Nun beginnen die Bauvorhaben im großen Brüsseler Zentrum, die viele besonders ärgerlich, radikal, und zerstörerisch finden:

Brüssel - Nord-SüdNord-Süd Schon um 1900 gab es in Brüssel einen regen Eisenbahnverkehr. Allerdings gab es, wie damals üblich, kein zusammenhängendes Netz, sondern Bahnlinien mit eigenen Endbahnhöfen - die Züge endeten in Brüssel. Die Stadt wuchs dramatisch; vor allem Nord- und Südbahnhof quollen über, es herrschten chaotische Zustände. Um in Brüssel umzusteigen, musste man weit von Bahnhof zu Bahnhof laufen.
Ab 1911 begann man daher nach langer Planung, den Nordbahnhof unterirdisch mit dem Südbahnhof zu verbinden. Man fing schon an, abzureissen, legte das Unternehmen, nahezu mitten durch die Stadt, aber mehrfach auf Eis. Erst musste man aus Geldmangel nach dem ersten Weltkrieg pausieren, dann die Linienführung etwas abändern, weil man den Einsturz der Kathedrale befürchtete. Im Jahr 1952, nach 41 Jahren (!), wurde die knapp drei Kilometer lange Bahnverbindung, teils unterirdisch, teils auf Hochgleisen, feierlich für den Linienverkehr freigegeben. Besonders stolz ist man auf den unterirdischen Zentralbahnhof, der nur einen Steinwurf vom Grand Place entfernt liegt. Zudem bekamen, weil auf der Strecke, das neue Kongresszentrum (zwischen Zentral- und Nordbahnhof) und die Kapellenkirche (zwischen Zentral- und Südbahnhof) ihre eigenen Bahnhöfe. Congres und Chapelle.
Der Bau hinterliess aber natürlich eine Schneise der Zerstörung. Über der unterirdischen Bahnlinie legte man einen modernen Boulevard an, baute rundherum Bürogebäude und Hochhäuser.
Ohne die Verbindung wäre Brüssel heute nicht der Hauptknotenpunkt des westeuropäischen Bahnverkehrs, in dem vier verschiedene internationale Hochgeschwindigkeitslinien aufeinandertreffen. Die Stadt entwickelte sich in den nächsten Jahren rasant, wurde Verkehrsknotenpunkt und Boomtown. Brüssel wurde so richtig zur Weltstadt: Im Jahr 1958 fand die Weltausstellung statt, das Atomium wurde eröffnet, und - Brüssel wurde zum Hauptsitz der heutigen Europäischen Union.

Eine boomende Stadt braucht Platz, Bürogebäude, Wohnhochhäuser, Parkhäuser, Hotels, und natürlich eine Metro!

Brüssel - Quartier LeopoldEuropaviertel Es begann nach und nach die Zerstörung des Quartier Leopold, ein Wohnviertel westlich außerhalb der Innenstadt, für die Bauwerke der Europäischen Union. Ein Block nach dem anderen verschwand, man baute übermäßig große Verwaltungsgebäude.

 



Brüssel - Espace Nord
Espace Nord Das reichte aber nicht. Der Traum: Ein Hochhaus-Geschäftsviertel im amerikanischen Stil. Verwirklicht wurde er zwischen Nordbahnhof und Hafen. Die damals einfache Gegend, nördlich an die Innenstadt grenzend, eingekesselt zwischen Kanal und Bahngleisen, wurde komplett eingerissen. Aufgrund der wirtschaftlichen Flaute in den 1980ern wurde das Viertel aber jahrelang nicht wirklich fertig. Nun füllen namhafte Architekten die wenigen restlichen Lücken.
 

Brüssel - MetroMetro In den 1960ern herrschte in der aufstrebenden Weltstadt auf der Straße ein unvorstellbares Verkehrschaos, welches zum Verkehrskollaps mutierte. Schnell mussten Autotunnel und Metro her. Für die Bauarbeiten und Stationen wurde wiederum teilweise großzügig abgerissen, denn die meisten Tunnelabschnitte wurden nicht gebohrt, sondern entstanden im Schnellverfahren: Straße aufbuddeln, bauen, und überdeckeln.
 

Brüssel - AppartementsAppartements Zudem herrschte in einigen Kommunen akute Wohnungsnot, und entlang einiger großer Boulevards mussten die schmucken, aber kleinen Häuser zugunsten von großen Appartement-Gebäuden oder Wohnhochhäusern weichen. Oft findet man zwischen diesen großen Häusern noch das ein oder andere dreistöckige, fünf Meter breite Wohnhaus.

 


Es herrschte eine regelrechte Gleichgültigkeit alten Gebäuden gegenüber, da die ganze Stadt voll mit Bauwerken von unschätzbarem Wert war, und auch heute noch ist.
Vor allem in den kriegsgeschundenen deutschen Städten war man ja meist bemüht, jede auch noch so einfache alte Fassade zu erhalten - in der Zeit wurden in Brüssel die reichsten Gebäude eingerissen. Hochhäuser wollte man haben; moderner Wohnraum war gefragt. Aufgrund dieser Umstände gab es den Denkmalschutz wohl auch erst so spät.
Die Stadt steckte tief im Neubauwahn, es ging drunter und drüber, die Hochhäuser schossen in den Himmel. Nicht nur einfache Wohngebäude wurden entvölkert und abgerissen: Der schlimmste Skandal war der Abriss Hortas Maison du Peuple für den Bau eines Bürogebäudes mit knapp 30 Stockwerken, der trotz enormer, europaweiter Proteste 1965, nicht mehr abzuwenden war. Das war sicherlich nur durch schwerste Korruption möglich, und Horta hat sich bestimmt im Grabe umgedreht.

Brüssel - Hochhäuser

Tour du Midi (Anderlecht), Belgacom Towers (Espace Nord), Madou Plaza (Saint-Josse), Tour Astro (Saint-Josse),
Manhattan Center (Espace Nord), Euroclear Towers (Espace Nord), Hotel Hilton (Quartier Royal), Tour Bastion (Ixelles),
Tour Blaton (Quartier des Marolles), Tour Finance (Quartier des Libertes), Tour Generali (Ixelles), World Trade Center I & II (Espace Nord)

Bruxellisation - vorher und nachher: (Auswahl)
bitte den Mauszeiger über das Bild führen!

Boulevard Anspach

So schlimm, wie das alles klingt, ist es aber doch nicht, denn, trotz allem: Die meisten Quartiere, Plätze und Boulevards der Stadt, und natürlich große Sehenswürdigkeiten, blieben verschont. Die modernen Hochhausviertel, von denen oben die Rede war, durchläuft man zu Fuß in zehn Minuten.
Und: Auch die neueren Gebäude sind oft sehr interessant und nicht immer Bausünden, sondern auch Bereicherung. Klar gibt es reine Verschandelungen, aber auch auffallend viele schöne Bauten, die sehr einfallsreich und bewundernswert sind. Man sieht in Brüssel Zeitzeugen aus jedem Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts, man trifft auf interessante Gebäude und Ansichten, die man in dem Stil vorher noch nirgendwo gesehen hat.

Brüssel - moderne Architektur

Flagey (Ixelles), Gare Central (Quartier Royal), Bürogebäude in der Rue Lebeau (Quartier Royal),
Centre Monnaie (Quartier Marais-Jacqmain), Gebäude am Boulevard Lemonnier (Quartier Midi-Lemonnier), Citroen-Gebäude am Place de l’Yser (Quartier des Quais),
Bürogebäude im Quartier Marais-Jacqmain, Rathaus von Etterbeek, Bürogebäude an der Avenue Franklin Roosevelt (Quartier Roosevelt)

Vor allem die Architektur aus den berühmt-berüchtigten 1960-70ern, die europäische Städte zum Teil schlimm verschandelt hat, ist in Brüssel oft sehr interessant. Während man in dieser Zeit die tollsten Möbel und Tapeten geschaffen hat, blieb ja bekanntlich die Architektur europaweit völlig auf der Strecke. Es gibt in Brüssel aber stylischste Gebäude, die den Geschmack der Zeit unmissverständlich widerspiegeln. (Auswahl)

ARM UND REICH
Als Brüsseler zog man es ab den 1970-80ern vor, ruhig zu wohnen. Die Stadt war vielen zu hektisch und laut geworden. Der Verkehr kollabierte täglich in unvorstellbarem Maße, es war die Hölle los.
Extreme Flucht aus dem Zentrum heraus in Brüssels Stadtteile, die Kommunen, oder direkt an den Stadtrand war die Folge, und schon standen im Zentrum ganze Häuser, Straßen und Viertel leer und verkamen. Günstige Mieten zogen nun vermehrt Immigranten an. Einige Gegenden verarmten.
In den meisten europäischen Hauptstädten begegnen einem Parallelwelten und Armut nur in Vororten oder abgegrenzten Vierteln, die möglichst weit weg vom Zentrum liegen, und in die man sich möglichst nicht verirrt. Aufgeräumte Innenstädte, verblendet begeisterte Touristen - dafür ist die Stadt nur noch das Zentrum eines grausamen Banlieue-Molochs.
Problemviertel konzentrieren sich in Brüssel zwar westlich und nördlich des Zentrums, aber es gibt weder klare Trennung, noch riesige Plattenbausiedlungen oder verfaulte Vororte. Die Umstände in Brüssel haben das nahezu völlig verhindert, aber auch absolut urbanes Chaos vorprogrammiert, und bewirken, dass Brüssel dem Besucher enormen Reichtum und als extremen Kontrast dazu die Armut im Gesamtchaos geradezu offenbart.
(Auswahl)

Brüssel - Arm und Reich

Das extremste Beispiel: Die Chaussee de Gand, und 500 Meter weiter, die Rue Dansaert

MULTIKULTUR UND PARALLELGESELLSCHAFTEN
Brüssel gehört zu den multikulturellsten Metropolen Europas. Aufgrund der EU-Hauptstadtfunktion leben in und um Brüssel unzählige Menschen aus der ganzen EU, und es werden immer mehr. Dazu kommen natürlich noch ehemalige Gastarbeiter und andere Einwanderer. Das Zusammenleben funktioniert in der Regel ganz hervorragend, mit einer großen Ausnahme. Diese Ausnahme ist der sich nicht nur in Brüssel immer mehr klar abgrenzende und sich ausbreitende islamische Kulturkreis, der immer mehr Brüsselern Sorgen bereitet. Es gibt in Brüssel marokkanische, türkische und andere islamische Stadtviertel, die man schon lange nicht mehr als multikulturell, und auch nicht mehr als sicher und schön bezeichnen kann. Zumeist handelt es sich um Viertel, die mal sehenswert und kulturell wertvoll waren, aber nun unangenehm rauh, verkommen, schmutzig, und - für Nichtmuslime, besonders für Frauen - gefährlich sind.
Die Parallelgesellschaften liegen in Brüssel sehr zentral, westlich und nördlich des Zentrums.
(Auswahl)

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